Rheinmarathon 2017

Geschrieben von Peter Weidner.

Der Aufruf zum Gewaltakt kam bereits im Juli. Die Mannschaft stand Anfang August fest. Olaf hat uns begeistert, motiviert und eingeschworen. Der kann das, weil ein Rheinmarathon Urgestein. Was auch immer man über diese Veranstaltung wissen will, Olaf weiß es und er hatte sogar die kommende Prüfung bereits vollkommen analysiert und prognostiziert. So kam es, dass wir im Riemenvierer angetreten waren, weil die Chance auf Gold hier doch beträchtlich war. Natürlich sollte das Dickschiff gesteuert werden, denn dieser, Pauls Job, ist bei solch einem Event obligatorisch.

Eine Goldmannschaft muss natürlich auch zusammenfinden, man spricht vom gemeinsamem Trainieren. Das haben wir auch einmal geschafft, ein paarmal mehr in Teilen mit Ersatzbesetzung. Will sagen, unsere Zuversicht, die Besten zu sein, war schon lange vorher vorhanden, so wie die Typen vom URCD eben so sind.

Dann kam der Tag, an dem wir unsere Elbe auf den Hänger geschnallt haben und in Richtung Leverkusen gedüst waren. Dass wir nach der elend langen Fahrt und dem Auffinden aller verfügbaren Staus erst bei Dunkelheit am Ziel die Möglichkeit hatten, aufzuriggern, war dem Maleur geschuldet, im URCD die Rollsitze in Form eines Suchspiels zu finden. So mancher Materialwart hat sich darauf über Pflichten und Regelwerk der Auf- und Abriggerei Gedanken gemacht.

Das Aufriggern war dann eher eine Klebe- und Verpackungsorgie, gefühlte 10km Tesaband wurden wie Tragflächen an die Ausleger gepappt, ich dachte ständig an einen Mantarochen. Sorgen machte mir die Plexihutze am Bug, sie ließ Schlimmes erahnen. Dass wir am nächsten Tag Großes vorhatten, ließ uns den abendlichen Kneipengang begrenzt angehen. Feste Eiweiß und Kohlenhydrate sammeln, in Düsseldorf süffig in flüssiger Form als Alt getarnt. Wir wussten ja, dass unsere Gegner Freunde von hiesigem Bier sind, weil das Irische eben so teuer. So übten wir uns in teutonisch braver Zurückhaltung.

Unser Start war am Samstag um 12:00 angesetzt, massig Zeit, sich mental darauf vorzubereiten. Die fehlenden Mannschaftsteile waren mittlerweile eingetroffen, wir komplett. Im kunterbunten Treiben auf den Startwiesen gab es allerhand zu sehen. Irrwitzige Typen und Konstruktionen, Wasserabweiser, Schutzhauben, Ruderequipment. Dass manche sogar GPS Routencomputer dabei hatten, hat mich dann doch etwas irritiert, bis dahin dachte ich einfach ans stromabwärts fahren. Wo zum Teufel wollten die hin? Ich sah Wasserflaschen, Isodrinks, Bananen, Astronautennahrung, Nüsse, Wasweissichtüten. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob das auch zu überleben ist, wenn man nix dabei hat, wie wir.

121 wurde aufgerufen, artig hievten wir unseren Kahn zum Steg. Die Aufregung war kein blinder Passagier mehr. Die Elbe zu Wasser gelassen, Riemen rein und los ging's zum Anlauf holen. Letztes Feintuning der Wohlfühlzonen und mit Karacho vorbei am Startmesspunkt. Fliegender Start, Tesatragflächen hatten wir ja. Paul begann sogleich zu steuern, ich fixierte mich an Andreas' Nackenwirbel, ein zuverlässiger Haltepunkt für mich. Schlagolaf gab die 26 vor, wir folgten wie Nähmaschinen im Gleichtakt. Keine fünf Minuten und Paul begann mit großen Augen das "Wellääääää!" zu brüllen. Kannte ich nur vom Hörensagen, trotzdem hatte ich Tsunamis vor den Augen. Zwei Ruderschläge später kam der erste Einschlag. Der Bug knallte, ich erwartete, dass Frank an mir vorbeischwamm, statt dessen kam ein Schwall Rhein über mich, in mich, durch mich. Der Schatten auf Steuerboard entpuppte sich als Kohlekahn, der lässig dominierte. Boah, ich brauchte schon zwei weitere Schläge, um dem Olaf wieder zu folgen, ich hatte den Eindruck, ihn hat das gar nicht beschäftigt – Urgestein eben. So ging es dann 10km weiter, da bemerkte ich laut, "wir haben ja schon ein Viertel". Ein Guck auf die Uhr, 31min, das wird Weltrekord. Wurde es nicht, denn "schlimmer geht immer" kam noch.

Die Rheinkurven begannen. Hinter jeder Kurve lauerte satter Gegenwind. So böig und richtungswechselnd, dass selbst Vorrollen anstrengend wurde. Der Wellengang war inzwischen stetig höher geworden, der Rhein in unserer Elbe immer präsenter. Dass der Rhein in die Elbe fließt, wusste ich bis dato auch noch nicht.

Dass Rheinlastkäne sich auch dann überholen, wenn Treibgüter mit Besatzungen vorbeischwimmen, war erschreckend. Dass dies dann noch bei Gegenverkehr von anderen Containerschiffen stattfinden muss, nahm mir jegliche Illusion, dass das ein gemütliches Zusammensein werden wird. Wir verließen uns alle auf Paul, der mit Olafs Interventionen immer einen Weg durchs Metall fand. "Wellääääää" war irgendwann hypnotisierend, Augen auf und durch.

Irgendwann brummelte es beängstigend von hinten. Es drohte irgendwas, der Himmel schien sich zu verdunkeln, zumindest kam von hinten kein Licht mehr. Dafür kam von vorne Paul: heftige Diskussion mit Olaf, er schien einen Weg zu suchen. Gott, ich spekulierte. Ich musste mich umdrehen, wow. Ein Schleppverband. Hätte schwören können, dass der gar nicht auf den Rhein draufpasst. Passte er aber, auch noch fast schräg. Ein Schlepper, zwei riesige Dingers, Atomreaktoren oder so, noch ein Schiebschlepper. Seilverband. Pauls "Welläääää" hörte ich wie in Trance. Die Welle war diesmal ein Tsunami, spülte einmal komplett drüber. Die Bugabdeckung wurde zum Aquariumschauglas. Frank schnaufte, Andreas stöhnte und sein "Beinäääääää und Schuuuuubbb" verstummte. Olaf zog zwei Nullinger und ich hatte redlich Mühe meinen Riemen Backboard festzuhalten, denn der wollte nach Steuerboard, oder sonst wo hin. Einsetzender Regengraupelsturm gab uns fast den Rest, wir schlingerten, wurden fast zurückgeblasen, fanden aber irgendwann wieder zusammen. Wir passten schließlich durch, und nahmen es sogleich mit einem Doppeldreier auf, der einen vorausfahrenden Lastkahn ebenso verfolgte. Wir gewannen, schossen durch dessen Bugwasser und Paul belohnte uns mit "da vorne gibt’s noch mehr Boote zum Überholen".

Es kam der Kilometerstand 30. Da war ein Gefühl des Ausbrennens plötzlich präsent, was mich ständig zum Umschauen zwang, wahrscheinlich suchte ich irgendeine Form der Rettung. Wir prügelten uns durch, von hinten schallte es "die Nase gehört ins Boot!!!", von vorne "Beinääää, ich spür nix", von ganz vorn "Männer das macht Spaß, weiter so, hoch auf 30".

Ab km 35 meinte Paul, er sähe den Zielbereich schon, ich denke er wollte uns schlicht Mut machen. Ab Rheinkilometer 737 gingen wir zum Endspurt über. Ben Hur muss es ähnlich ergangen sein, nur hatte der besseres Wetter. Im Gegenwind, der das Vorrollen zur Kaugummistreckte machte, schoben wir uns mit offenen Kieferklappen und geschlossenem Mannschaftsgeist an der Zieltröte vorbei und spürten den einsetzenden Regen gar nicht mehr. Die kalten Tropfen verdampften im Maschinenraum sowie im Bug und Heck sogleich. Nur Paul hatte kalte Finger, die er jedoch tapfer mit unseren Schmerzen gleichsetzte und wegsteckte. Das Ausrudern ging fast nicht mehr, statt Blut floss nur noch Adrenalin und Milchsäure durch die Muskeln, die Warterei zum Anlegen wurde zur vorletzten Geduldsprobe. Zur letzten kamen wir dann irgendwann auch. Bald jede Kategorie hat eine Medaille bekommen, endlich auch unsere und die war aus Gold. Deklassiert haben wir unsere Klassenkameraden, um Längen und Minuten. Irisches Bier scheint eben doch zu teuer, um das deutsche am Abend vorher stehen zu lassen.

Den Abend haben wir, düsseltypisch in einem Brauhaus verbracht, der Hungerast hatte uns fast vorher dahingerafft. Viel Bier war es dann nicht mehr, die Knochen schielten schon längst Richtung Matratze. Die Pflichtübungen des Aufladens und Fahrens, sowie des Ab- und Aufriggerns haben wir in preußischer Tugend, beispielhaft noch erledigt, bevor wir auf unseren familiären Treppchen die Lorbeeren abgeholt haben.

Fazit: Die Veranstaltung ist der Hammer, ein Muss für jeden, der wissen will, was geht. Vorher weiß man es nicht und hinterher stellt man ehrlich fest, hmm, eigentlich … geht noch etwas mehr. Für mich als Marathonnovize war es ein Novum, ein Orientierungslauf. Der nächste wird mich weniger erschrecken, die Nase im Boot lassen und mit der Mannschaft dem Gesamtsieg näherbringen - Ruderehrenwort!

Fakten
- Strecke 42,8km (Leverkusen - Düsseldorf)
- Zeit des URCD 2:17:25
- Mannschaft: Olaf Behrend, Andreas Schwind, Peter Weidner, Frank Scherber + Steuermann Paul Ole Scherber
- Platzierung Klasse (Gig 4+, offen): 1. von 3
- Platzierung (Gesamt): 14. von 167
- Volumen Milchsäure in der Elbe: 4 l (Spaß)