Mitten drin - 130 Jahre URCD

Geschrieben von Jörg Haußer.

Mitten drin - in Ulm's guter Stube, dem Münsterplatz. Hier, im Stadthaus, geht das 130-jährige Jubiläum des URCD über die Bühne. Das Haus, vom amerikanischen Stararchitekt Richard Meier gebaut, anfangs als begehbare Skulptur verspottet, hat in der Zwischenzeit seinen Platz in der Stadt gefunden – und wird jetzt am letzten Samstag im November 2017 erstmals vom URCD "bewohnt".

An vielen Geschäften in der Nachbarschaft sind noch die Zeichen der großen Rabattschlacht vom Vortag zu erkennen, die zum Teil bis zum Samstag andauert. Mit großflächigen schwarzen Postern in den Schaufenstern verspricht der aus den USA importierte "Black Friday" 20% Rabatt – und das wirklich auf alles.

Ab 14:30 Uhr sind die im URCD einschlägig bekannten zum Aufbau gerufen. Man rechnet mit Tische und Stühle schleppen etc. bis kurz vor Eintreffen der Gäste, so dass gerade noch Zeit bleibt, verschwitzt in die bereits mitgebrachte "festliche Abendgarderobe" zu wechseln.

Aber es kommt alles anders. Die Möblierung steht bereits. Die Tischdecken liegen zwar bereit, aber das Catering-Team vom Stadthaus verweist auf die eigene Kompetenz. Erst mit der Deko schlägt die Stunde der URCD-Helfer. Als die großen, roten Stumpenkenkerzen ausgepackt werden, legt sich die Stirn des Technikchefs vom Stadthaus in Sorgenfalten. Das ist wegen Brandgefahr verboten! In die zusätzlichen übergroßen silbernen Kerzenleuchter, die gerade noch vor der Tür des Lastenaufzuges im Keller standen, kommen ganz einfach Teelichter.

Leicht ins Schwitzen kommen die Mitglieder, die einen neuen blauen Jugendrenndoppelzweier und ein neues Schellenbacher-Gigboot vom Hänger durch das Treppenhaus in den 1. Stock hieven. Das schwere Gigboot bleibt im Foyer neben den Büsten der Geschwister Scholl, das Rennboot wird gleich im großen Saal am Geländer der Empore mit zwei großen Schlaufen eingehängt, um so knapp über Kopfhöhe zu schweben. Mit eintretender Dunkelheit verwandelt sich das knallige Blau des Doppelzweiers in dezentes Schwarz.

Die Kerzen in den Leuchtern brennen, die Sektgläser werden so langsam gefüllt, der Vorsitzende weiß, wenn dieses Jubiläumsfest am späten Abend zu Ende geht, ist es nach 13 Jahren als Vorstand nicht mehr weit bis zu seinem "Ruhestand". Die Gäste kommen und schauen mit fragenden Gesichtern umher. Darauf steht: "Garderobe verzweifelt gesucht." Kein Wunder, denn die Garderobe ist gut versteckt auf der Seite hinter dem großen Saal und erst nach einer Umrundung des großen Treppenhauses zu erreichen.

Farbige Strahler, die vom Boden die Wände entlang nach oben anstrahlen, tauchen den Saal in eine festliche Atmosphäre. Da alles im Stadthaus weiß ist, kann fast alles als Projektionsfläche verwendet werden. Der Beamer strahlt an die leicht gebogene obere Rückwand der Bühne die Schlagworte des Abends: "130 Jahre Ulmer Ruderclub, Tradition – Leistung – Leidenschaft." Darunter sind durch die Glasfront hinter der Bühne die Lichter des Weihnachstmarktes zu sehen, der knapp zwei Tage später die Besucherscharen strömen lässt.

Wie im Theater gibt es auch im Stadthaus einen Gong, so dass alle auch im Foyer wissen, jetzt ist es Zeit, jetzt geht es los. Der Vorsitzende blickt mit einigen Anekdoten auf den Beginn seiner Amtszeit und die folgenden fast 13 Jahre zurück. Kaum ist danach das Buffet freigegeben, stürmt die Jugend zielgerichtet dorthin, vergleichbar mit den Zeiten des echten Schlussverkaufes, wenn das Publikum zur Schnäppchenjagd bei der Ladenöffnung eines Kaufhauses die Wühltische erstürmt.

Bei der folgenden Ehrung der Mitgliederjubilare dankt der Vorsitzende 13 Mitgliedern für ihre Treue zum Verein, beginnend bei einer Zeitspanne von 25 Jahren bis hin zu 75 Jahren. Im Gegensatz zu anderen Vereinen, wo manche zum Teil an ihrem Geburtstag Mitglied werden und so viel mehr Mitgliedsjahre erreichen, rudern alle Neumitglieder im URCD bei ihrem Eintritt gleich los.


Bild: (von links) Andreas Huber, Dr. Heinz Schrode, Martin Itschert, Werner Strassner, Hedi Dilger, Peter Falschebner, Raimund Hörmann

Die Band um Bandleader Ernie mit der markanten Frisur kommt am Anfang nicht richtig zum Zug, weil das Programm wenig Spielraum für Musik und Tanzen lässt und dazu noch das Publikum durch Filme an der oberen Bühnenrückwand lieber da zuschaut, als sich auf der Tanzfläche zu bewegen. Doch das sollte sich später besonders zum Schluss hin gewaltig ändern.

Eine besondere Ehrung gibt es für Werkstattveteran Sepp Geprägs, dessen "heilende" Hände in vielen Jahrzehnten ganz vieles zusammengefügt haben, was URCD-Mitglieder "getrennt" haben. Wie schon im Jubiläumsbuch von 2012 gibt es eine kurze Rückschau auf das Jahr 1972, als der Designer Luigi Colani einen Wunderachter gebaut hatte, den er zusammen mit Sepp Geprägs im Vorfeld der Münchner Olympiade im URCD auf Alltagstauglichkeit bringen wollte. Auf den ersten Blick erschien der Meister dem Sepp als leicht daneben, die Frauenqoute auf der Terrasse im Club stieg damals sogleich sprunghaft an, da der Meister die Damen freigiebig zu Sekt einlud. Der Wunderachter kam nie bei der Olympiade zum Einsatz und hat in der Zwischenzeit im "River & Rowing Museum" in Henley an der Themse eine würdige Bleibe gefunden.

Bei der Ehrung der Sportler und Trainer im URCD stehen die Zeichen ganz auf Aufbau nach dem Ende der sportlichen Laufbahn von Max Reinelt, Kerstin Hartmann, Lena Müller und Urs Käufer. Seit Lena sozusagen die Seiten gewechselt hat, gibt es einen kleinen Boom durch das jährliche Rudercamp für jugendliche Anfänger "Rudern bei der Weltmeisterin". Das hat sich dann auch auf der Bühne widergespiegelt, wo viele C-Junioren für ihren ersten Sieg geehrt und durch eine Kinofreikarte belohnt werden.

Der Herbstball mit Jahresfest ist dann auch der würdige Rahmen, wenn es gilt, einem Vorsitzenden zu danken, der 10% der Zeit des Bestehens des URCD besonders aktiv gestaltet und nicht nur verwaltet hat, abzulesen zum Beispiel am Neubau des Leistungszentrums. Raimund Hörmann dankt dem 1. Vorsitzenden Andreas Huber, den alle Welt nur als AHU kennt. Teil 2 folgt sicher bei der Generalversammlung im März 2018. Von den Athleten bedankt sich besonders Meike Dütsch mit einer Flasche Wein von der besten Lage des elterlichen Weingutes in Baden-Baden.

Die Jugend wettet, dass sie jede Frage beantworten kann, die von jedem Tisch schriftlich abgegeben werden. Die Fragensteller werden gebeten, außer der Frage auch eine Spende für die Jugendkasse abzugeben, falls die Frage richtig beantwortet wird. Da die Fragenbeantworter alle unter 18 sind und die gefragte Zeit zum Teil erheblich vor der Zeit von deren Geburt liegt, ist immer auch ein Publikumsjoker zugelassen. Und so wechseln die richtigen Antworten und die Spenden am Ende die Seiten.

Was anfangs nur ganz zögernd begann, die Tanzfläche füllt sich. Die Jugendlichen probieren frisch gelernte Tanzschritte aus und schauen dabei eher auf ihre Füße als auf ihre Partner. Die Musikband um Bandleader Ernie hat sichtlich Spaß und lässt sich durch die jugendliche Tanzbegeisterung mitreißen. Wer sich unterhalten möchte, muss die Stimmbänder etwas stärker einsetzen, um sich Gehör zu verschaffen, aber das war schon immer so, leichte Heiserkeit danach inklusive.

Lange schallt's im Stadthaus noch, der URCD, er lebe hoch! Mit einem ganz besonderen Dankeschön an Sepp Geprägs und an AHU, den 1. Vorsitzenden.

Mitgliederjubilare URCD 2017
25-jähriges Jubiläum      Jossi Seidel, Max Pluta, Hedi Dilger,
40-jähriges Jubiläum      Sabine Patzwaldt , Werner Strassner
50-jähriges Jubiläum      Eberhard Steinle, Gerhard Auer
65-jähriges Jubiläum      Martin Itschert
65-jähriges Jubiläum      Peter Falschebner
70-jähriges Jubiläum      Dr. Heinz Schrode
70-jähriges Jubiläum      Hermann Scheuffele
70-jähriges Jubiläum      Rosemarie Locher
75-jähriges Jubiläum      Lise Bretschneider