EUREGA 2018 - 100Km

Geschrieben von Peter Weidner.

Der Rhein. Schwerlasterschiffsverkehr. Wellen bis zu 1m hoch, zig hundert m breit. Eine 100 km Strecke in unter 6h!
Die, die mit dem Rudern nichts zu tun haben, sagen „na und, ist halt mit der Strömung!“
Die, die das Rudern kennen, sagen „ihr seid verrückt, total bescheuert, erst recht im Riemenboot“. Verständnis hatte also niemand, gerade dies spornte uns ungemein an.
Wir sind Olaf B, Andreas S, Andreas B, Frank S und Peter W.

Da die Startplätze sehr begehrt sind, fiel die Entscheidung zur Teilnahme bereits im Januar. Und siehe da, ruckzuck waren die 21 Startplätze vergeben.

Seit dem schien sich unsere Schwierigkeit, gemeinsam einen 100km Ritt auf dem Rhein zu absolvieren, darin abzuzeichnen, dass sich alles gegen uns verschwor. Erst fanden wir wirklich keinen einzigen Tag, zusammen ein Teamtraining stattfinden zu lassen. Andreas S und ich übten dann bei -10°C im 2- und es froren nicht nur die Rollschienen zu, sondern auch das Denken ein, das Können und die Finger an den Riemen ran. Das ein oder andere Training fand dann doch irgendwie statt, darunter für drei von uns ein Langstreckentest vom KWBH bis zur Illerstufe in Senden: 18km.

Dann raffte ein hartnäckiger Virus Andreas B hinweg, sodaß die übrigen vier Muskeltiere sich einen Ersatzkandidaten suchen mussten. Janis K sollte es sein und er war super motiviert. Drei Wochen vor dem Start erwischte es Schlagmann Olaf. Eine Infektion ließ ihn nicht mehr aus den Federn kommen, wir resignierten – fast. Zu allem Überdruss wurde auch noch unser Schiff ELBE havariert, am Brückenpfeiler der Eisenbahnbrücke. Die Backboardwand und unsere  Ambitionen waren zerstört. Wir einigten uns auf ein „na dann dann eben nicht“, als Olaf dann doch noch meinte, „kann losgehen“. Frank akquirierte den RHEIN, als Plan B und unsere Flexibilität wurde schon 100km vor dem Ziel belohnt. Es ging los. 

Freitag früh, RHEIN auf den Hänger, Hänger an den Audi, Männer in den Audi, Abflug.
Landung gegen Mittag an der Loreleykurve in St.Goarshausen. Überhaupt ist das ganze Unternehmen eine logistische Herausforderung, da muß man schon mal kurz innehalten und richtig nachdenken, sonst ist das notwendige Material über 100km verteilt am falschen Ort. Aber wir hatten ja Olaf dabei, der hier der ich-weiß-was-wo-hin-gehört war und uns Novizen schon erklärt hat, wie es zu sein hat.

So riggerten wir unsere RHEIN am Rhein auf das kommende Event. Die Braut wurde geschmückt mit all dem Prunk, den sie braucht um das zu überleben was da kommen soll. Seitliche Klebestreifen um nicht zuviel Rhein in die RHEIN rheinzulassen. Einen Wellenbrecher um den aufbäumenden Rhein zu durchpflügen und gefühlte Kilometer Klebeband um das ganze Brautkleid zu fixieren.

Bananen, Müsliriegel, Astronautennahrung, Wasser, um wilde Körper mit Energie zu versorgen.
Eine nervige Klamottenfrage war zu klären, wird’s kalt, nass, windig … wasserdichte Taschen.
Die Profis unter uns maßen noch die Dollenabstände, deren Winkel und ich glaube auch noch den Azimuth im Verhältnis zu unserem Zentralgestirn. Es sollte darum gehen, die letzten Quäntchen an Performance in die RHEIN im Rhein zu bringen. Ich reduzierte mich auf die Einstellung meines Stemmbretts, das heißt, die Stemmbretter, denn ich sollte ja alle, oder besser gesagt viele haben.

Das wir unterwegs Kletterübungen veranstalten werden, um jeweils eine Steuerpause einzulegen, wollte ich mir jetzt noch gar nicht vorstellen. Geübt haben wir es NIE!

Wir fuhren unsere Logistikkette ab, Quartierbezug, Meldebüro, Auto&Hänger nach Bonn ins Ziel. Mit dem Zug zurück zur mittlerweile vollzählig gewordenen Mannschaft. Janis und Frank per Bahn, pünktlich zum Abendessen. Kohlenhydrate schaufeln, stopfen, mästen, Bett.

06:00 Aufstehen. Nochmal Nahrung bunkern, die Aufregung kam doch noch dazu. Mit der Startnummer bewaffnet zum 2km entfernten Startplatz laufen, ein kleiner Hafen im Schutz der Loreley. Dort, schon wildes Treiben um die Boote, die sich wie Schlachtschiffe schmückten, teils mit einer Technik ausgestattet, die auch eine Atlantiküberquerung erlaubt hätten. James Cook hatte damals nicht mehr Lebensmittel dabei wie so manches Boot in Form von angeschraubten 2x30l Containern. Einer zeigte doppelläufige Lenzpumpen, mit Akkupacks deren Gewichte unsere Trinkwasservorrat überstiegen. GoPros am Fahnenmast, die erbarmungslos in UHD und 240fps alles dokumentieren sollten. Geklinkerte Rümpfe versus Carbon-GFK Hüllen, ruderspezifisches Allerlei.

07:30 auf die Minute genau begann das Wasserlassen, will sagen die Boote zu Wasser lassen. Um 08:45 lagen die gut 20 Kontrahenten mit gezückten Blättern im Hafenbecken und warteten auf den fliegenden Start. Da fiel uns einmal mehr auf, das wir ein echtes Ruderboot waren, also eins mit Riemen halt, denn 18 andere waren mit Skulls bewaffnet, was beunruhigend komfortabel aussah. Aber wir wollten es nicht anders, sind eben auch anders, Helden vom URCD eben.
Das Wetter wollte heute, wie wir. Sonne, warm, trocken, traumhafte Bedingungen.

09:02 begann der fliegende Start. 09:15 flitzen wir durch die Hupe, Schlagzahl 30. Drei Skuller haben wir bereits im ersten Kilometer versägt, wir als 10. Boot am Start.
Und dann ging es auch schon los, Schiffsverkehr, Wellen, Kurven, da war doch was beim Rheinmarathon’17 … . Ungestüm und kraftvoll schossen wir voran, wohl wissentlich, dass wir unsere Kräfte einteilen müssen. Olaf reduzierte auf den Langstreckenschlag 25-26. Die Uhr tickte, wir wurden warm. „Achtung Bergfahrer“ plärrte Steuermann Frank und ein riesiger Schatten realisierte sich Backboard. Uhaaa, die Bugwelle, schlimmer die Heckwellen, die unser Wellenbrecher flux abwürgte. Weiter gings. Immer schön rechts der Fahrrinne entlang, Markierungstonnen brachen die Wucht der Strömung. „5 Minuten bis zum Wechsel“, die sofort vergingen und uns die erste Kletterübung aufzwang. Zwang, weil wir ja alle noch so unglaublich fit. Aber muß, weil dauert ja noch länger. Wir hätten es echt üben sollen, sagte ich mir, als ich in eingeknickter Tiefhaltung auch noch stabilisieren sollte, weil ich ja plötzlich das einzige Blatt auf unsere Seite war. Fast …

Unsere Wechselchoreographie war nicht ganz so performant, wie sie es hätte sein sollen, aber eine guttuende Körperdehnung war es allemal. Da hatten es die Skuller leichter, dort konnten wenigsten 1-2 weiterrudern und stabilisieren, während die anderen Plätze wechselten. So kam es dass wir immer wieder aus dem Strömungsstand anschieben mussten, dies aber kraftvoll zur Fahrtaufnahme durchzogen. Ha, nächster Skuller voraus, nach einem guten Kilometer knackten wir auch den. Uns dann allerdings auch einer, den acht Blätter im Wasser ziehen doch mehr als vier, vor allem bei Welle.

Steuertechnisch anspruchsvolle Rheinschleifen, böiger Ostwind und Schiffswellen stellten sich immer wieder gegen uns, nach gut zwei Stunden begann dem einen oder anderen bereits zu dämmern, dass das keine Wanderfahrt ist. Dörfer, Städte, Schlösser zogen vorbei wie bei einer Studienfahrt. Jemand bemerkte „das war gerade die Rheinmarathondistanz“, was wir erstaunt zur Kenntnis nahmen – so schnell ging das. Allerdings auch mit Schrecken feststellten, dass dies noch nicht mal die Hälfte sei. Boppard, so lustig der Name klingt, so fies war fast die 180° Schleife, die unser Schiff gegen den Wind brachte.

Die 30 Minuten zum Wechsel vergingen immer langsamer, Einstein hatte doch recht. Kurz vor dem Wechsel konnte man überlegen welche Option man in den 10 Sekunden ziehen wollte, wenn man nicht grad der nächste Steuermann sein durfte. Trinken, Banane im Ganzen verschlingen, Mütze suchen oder … zum Müsliriegel reichts eh nicht. Dann beim Wechsel ging wegen der Schutzhaltung keine davon und schon gings weiter…
Neuwieder Kurve, die 45 km Kurzstreckenteilnehmer wassern rhein. Hier waren wir noch so in Fahrt, das wir glatt einige davon überholten, zügig. Mehr als die Hälfte geschafft und dennoch wich der Testosteronhaushalt dem Laktat, welches scheinbar hypnotisierende Wirkung hatte. Denn normalerweise hätte spätestens jetzt jeder aufgehört und sich an Land gerettet. Die Sonne brannte mittlerweile knallig und trocknete unseren Schweiß in weiße Ränder.
Als abermals eine riesige Tonnage Schwermetall mit Kohle unseren Tritt gehörig auseinanderbrachte brüllte Olaf uns mit einem „Männer, was soll dass, das geht gar nicht!!!“ wieder zusammen in die Fugen.

Vom Steuerplatz aus sah man Gesichter, die man so schnell nicht vergisst. Was es heisst, seinen Körper über Stunden dauerhaft auf Höchstleistung zu halten, konnte man in den Grimassen und Verzerrungen der Gesichtszüge gut ablesen. Es waren teils hilfesuchende Blicke, nach Erlösung haschende, so sieht man sich sonst nie, im Ruderboot sowieso nicht.

Jeder Steuermann versuchte sich in aufmunternden Wegbeschreibungen und Rythmusangaben, bei denen einfach jeder myt musste. Die Zwiebacken schmerzten mittlerweile so arg, das sich selbst auf dem Steuersitz kein entspanntes Dasein einstellen wollte. Das Steuern selbst war anspruchsvoll, denn viel Verkehr und eine penible Einhaltung der Fahrspur war gegeben. Die Wapo mit ihrer Zeitstrafenandrohungen und ermahnenden SMS’ ließ uns gewissenhaft steuern. Von wegen Ideallinie.

Ungefähr bei KM 80 kam dann der große Einbruch, körperlich waren wir durch. Energie nahezu erschöpft. Wirklich alles tat weh, Arme schwer, Beine kaum noch in der Lage vorzurollen, geschweige denn Schub zu erzeugen. Die Schultern bleischwer. Rettung war im Mentalen zu finden. Denk nicht an die Muskeln, die weh tun, such Dir die, die nicht brannten. Ich fand lange keine, dann doch ein paar kleine. Nutze diese, leite die Energie um, alles in die Schutzschilde und in den Antrieb. Scotti, gib alles. Scotti gab alles, was eben noch da war und es funktionierte – Schlagzahl 28-30. Irgendwie suchte der Kopf einen Ausweg und wir suchten immer wieder am Ufer, auf den Schiffen, bei irgendwo nach imaginärer Hilfe. „Die Nasen ins Boot!“ raunzte der Steuermann, ja ja, das kannte ich schon vom letzten Rheinabenteuer. Wir rafften uns nochmals auf und näherten uns der 90. „Männer jetzt wird es einstellig!“ Die Wapo Schutzmacht spendierte uns zu allem Überdruss, bei langsamster Vorbeifahrt, eine Begleitwelle, die es uns noch richtig schwer machte. Was fluchten und brüllten wir da rüber, half nichts. Wir wollten so arg, wir konnten noch, wir taten es und hielten durch, Frank zählte die letzten Kilometer runter, dann kam die „1“. Ich hörte dann  „…noch 300m“ und fasste es kaum, wie lange 300m sein können. Zeit-Weg- Geschwindigkeit … Einstein war auch Ulmer.

Mit dem Leitspruch der letzten 10km „Schub kann, Technik muss!“ flogen wir durch die Zielhupe. Unser Blut war vollkommen weiß, die Köpfe knallrot, die Augen leuchteten. Vor lauter Schreck gerieten wir in eine Schockstarre; zur Euphorie hatten wir keine Kraft mehr. Aber gespürt haben wir sie so irre wie deutlich. Vor lauter Spüren trieb uns die Strömung gleich ein paar hundert Meter weg vom Ziel, was wir dann äußerst mühsam fast nicht mehr zurückbewältigt haben.


Am Steg angekommen funktionierte das Aussteigen nicht mehr, zwar wollte mein Geist raus, das Fleisch jedoch verharrte müde im Rollsitz. Ein helfender Arm vom Land, ich rollte mich seitwärts auf das Holz. Ein „kann uns jemand beim Boot tragen helfen, wir können das nicht mehr!“ wurde erhört und beschreibt die Situation. Wirklich nett, die Kameraden vom Bonner Ruderverein.
Der Empfang mit einem Rundell Kölsch von einigen Familienmitgliedern und Freunden, begeisterter Applaus vom Uferpublikum ließ uns dastehen wie Wikinger nach jahrelangen Kreuzzügen. Getümmel und Gewühle am Ufer des Bonners RCs, leidgeplagte Artgenossen abriggernd im Wust von Material stehend und überall frohe Gesichter. Das Lachen kehrte wieder und die Unfassbarkeit des Erreichten brach sich Bann.

Bis zur Siegerehrung verschlangen wir Würste, Semmel, Kuchen und konnten gar nicht aufhören zu stopfen. Allein die Dusche ließ das Salz dem Leben weichen, welches wieder einschoß im Aufrecht zu stehen. Die Schwielen an den vielen Handflächen sprachen Bände. Nach sieben dünnen Hautschichten kommt übrigens wirklich das Fleisch. Was für eine Erfahrung! Was für eine Dimension, die alles andere relativiert. Was für ein Manschaftsgeist, der uns zusammenschweisste und die Leistung überhaupt ermöglichte.

Wir hatten als Riemenboot den 6. Platz überhaupt gemacht, denn ersten Platz in unserer Bootsklasse, in die sich zwar nicht viele trauten, aber trotzdem: SIEGER ÜBER 100KM, was will man mehr? Apro popo … mehr geht immer, 2019 kommt bestimmt.

Strecke: 100km
Zeit: 05:35:17
Platz 6 gesamt
Platz 1, Riemenvierer +

 

© Peter Weidner, 2018.

PS: nächstes Wahnsinnsevent ist der Rheinmarathon ’18. Für uns nun eine Kurzstreckenübung