Sehenswert:
Adams Acht
Die Geschichte von
Karl Adam und dem
Gold-Achter von
Rom 1960
Foto: Majestic Filmverleih
GESCHRIEBEN VON JÖRG HAUSSER
"Wo liegt Ratzeberg?"
Das fragt im neuen Film "Adams Acht" ein Zuschauer nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 1958 in Duisburg durch die Underdogs im Achter des noch relativ unbekannten Ratzeburger Ruderclubs, der erst 1953 unter der Mitwirkung von Adam gegründet worden war. Wie aus der Pistole geschossen antwortet Trainer Karl Adam gemäß dem Zieleinlauf: "Ratzeburg! Ratzeburg liegt eineinhalb Längen vor Kiel!"
Der Film erzählt die wahre Geschichte des Deutschlandachters gegen Ende der 1950er Jahre und seinem Trainer Karl Adam. 1958 saßen lauter Ratzeburger im Boot, die zwar deutsche Meister werden, aber nach der Niederlage bei der EM in Posen wurden einige Ruderplätze als Verstärkung mit Kieler Ruderern besetzt. Die Jungs der ursprünglichen Besetzung sollten selbst entscheiden, welche gemäß ihrer Stärke im Boot verbleiben sollten. Erst durch diese gemischte Mannschaft, die "Ratzekieler", tauchte erstmals der Begriff "Deutschlandachter" auf.
Der Film beginnt mit einer Rückblende in die Zeit kurz nach dem 2. Weltkrieg. Karl Adam muss sich vor der Spruchkammer verantworten und über seine Arbeit in der Zeit des 3. Reiches verantworten. Er hatte als Lehrer im Fach Leibesübungen, wie noch bis vor nicht allzu langer Zeit das Fach Sport genannt wurde, und dabei Boxen im Besonderen an der Napola Bensberg (heute Teil von Bergisch Gladbach) gearbeitet, einer von 40 nationalsozialistischen Internatsschulen. Gegen Ende der Szene mit der dreiköpfigen Spruchkammerkommission erhält Karl Adam den Rat, am besten wieder Schüler zu unterrichten, verbunden mit dem Stempel "Mitläufer" auf dem Urteil.
Gut verkleidet steckt ein bekannter Ruderer in der Spruchkammerkommission, niemand anderes als der Steuermann des Deutschlandachters von 1968, der unter der Ägide von Karl Adam bei der Olympiade in Mexico City ebenfalls die Goldmedaille gewonnen hatte, der damals 14-jährige Ratzeburger Ruderer und spätere ZDF-Wettermoderator Gunther Tiersch, der 2020 in den Ruhestand ging.
Karl Adam unterrichtet inzwischen in Ratzeburg am Küchensee, durch den die innerdeutsche Grenze verläuft. Ein einsamer Ruderer im Einer zieht dort seine Bahn und bringt im Film Adam auf die Idee, Rudertrainer zu werden, ohne je selbst gerudert zu haben. Dieser Skuller ist im Film niemand anderes als Thomas Lange, Olympiasieger im Einer und bis 2022 Vorsitzender des Ratzeburger Ruderclubs.
Die Grenze zur DDR ist im Film sehr präsent, am Anfang noch von West nach Ost mit Passierschein passierbar. Sobald aber ein Boot die Grenze überfährt, geht der Alarm los und es besteht die Gefahr, dass Schüsse fallen. Im Lauf des Films fallen dann sehr dramatisch auch einige Schüsse, an Land und auf dem Wasser.
Atemberaubend sind die Bilder von den Rennen. In einem Video auf Youtube wird die ganze Kameratechnik erklärt: Vom Kameragalgen vom Beiboot aus bis zu Drohnen in der Luft und Gopro-Kameras an Dollen und Auslegern war alles dabei. Einer der Höhepunkte war wohl die Unterwasserdrohne der Feuerwehr Ratzeburg, die per Fernsteuerung schnell ihre Schwimmhöhe verändern konnte und so von unten schnell unter den Achter herantauchen konnte. Die Drehorte lagen in und um Ratzeburg und in der Slowakei, der Küchensee wurde mit visuellen Effekten zur Olympiaregattastrecke von 1960 in Albano.
Hochemotional wird es im Film nicht nur bei den Ruderern nach dem Sieg bei der Olympiade 1960 in Rom, sondern auch zeitgleich beim Public Viewing auf dem Schwarzweißfernseher zuhause in Ratzeburg im Ruderclub, besonders bei der Frau Karl Adams, die davor auch schon Trainingsideen beigesteuert hatte, und natürlich auch bei den Jungs des DM-Siegerachters von 1958, die freiwillig ihren Platz für die Kieler geräumt hatten und jetzt ihr ehemaliges Team angefeuert hatten.
1984 in L.A. als erste über die Ziellinie: Das Stämpfli-Holzboot "Ingelheim", zur Zeit im Dietrich-Theater in Neu-Ulm (Fotos: Jörg Haußer)
Rudern als Sportart in der Hauptrolle in einem kommerziellen Spielfilm - da hat der URCD doch einiges für das Rahmenprogramm zur Premiere im Dietrich-Theater in Neu-Ulm am Donnerstag, den 17. September 2026 zu bieten. Veranstaltungswart Matthias Himmelstoß organisiert neben Bildmaterial auch den Bootstransport von Olympiateilnehmer "Ingelheim". Die "Ingelheim" ist 1984 als erste über die Ziellinie in L.A. gefahren und verbringt ihren Ruhestand normalerweise im relativ leeren oberen Bootshaus. Extra für die Premiere und die folgenden Tage hängt sie nun kopfüber unter der Decke in der Eingangshalle vom Dietrich-Theater vor Kino 8 und 9, gegenüber den Kassen. Zu sehen ist in diesem inzwischen historischen Stämpfli-Holzboot der technische Stand von vor über 40 Jahren.
Im Rahmenprogramm: URCD-Olympioniken (Fotos: Jörg Haußer)
Schon auf dem großen überbreiten Bildschirm über den Eingangstüren vom Dietrich-Theater werden Premiere und Filmgespräch mit "Unseren Olympioniken" angekündigt. Das Foyer füllt sich immer mehr mit Leuten aus der Ulmer Ruderszene. Zum Vorglühen führt der Weg einen großen Teil des Publikums an die Bar, wer dort Popcorn kauft, bekommt umfangmäßig praktisch eine weitere Mahlzeit geliefert. Zu Beginn des anschließenden Filmgesprächs liegt angesichts der vielen Ruderinnen und Ruderer die Bitte von Thomas Kießling ans Kinopublikum nahe – er war unser langjähriger Regattasprecher und Moderator beim Donau-Cup: Wer denn 'was mit dem Rudern zu tun habe, solle bitte die Hand heben - nach seiner Einschätzung mehr als 90 Prozent.
Als erste unserer Olympioniken ist unsere Kerstin Jürgens dran mit zwei Olympiateilnahmen. 2012 in London wäre alles bis ins letzte Detail durchorganisiert gewesen, alles wäre für sie aufregend und neu gewesen. Als sie Leistungssportlerin war, wäre es schon ein geiles Gefühl gewesen, wenn damals das Boot lief. Sie erreichte im Frauen Zweier ohne damals das A-Finale und dort Platz 6. 2016 in Rio hätten sie und ihre Partnerin Kathrin Marchand sich fitter gefühlt, aber dafür wären mehr Boote am Start gewesen. Sie erreichten das B-Finale und dort Platz 8. In Rio wäre das soziale Gefälle zwischen den Spielen und der Bevölkerung erheblich größer gewesen d.h. die vielen Gelder hätten bestimmt die soziale Not vor Ort lindern können. Nach den Spielen beginnt ihr zweites Leben mit zwischenzeitlich drei Kindern. Erst jetzt will sie vielleicht regelmäßiger mit Claudi Barth Zweier ohne fahren.
Claudi Barth war im Jahr 2000 in Sydney ebenfalls im Frauen Zweier ohne am Start und erreichte ebenfalls das A-Finale und dort Platz 6. Das Rudern hat sie praktisch von ihren Eltern Gisela und Helmut Barth geerbt. 2000 war auch ihr Bruder Johannes in Sydney bei der Olympiade als Ersatzmann für den Skullbereich dabei. Ihr nächstes Projekt: dessen 10-jährige Tochter ebenfalls zum Rudern zu bringen. Mal sehen, ob der Tante das gelingt. Und fürs neue Zweier-ohne-Team mit Kerstin sollte es keine Probleme geben, beide ergänzen sich seitenmäßig.
Dritter im Bunde ist Raimund Hörmann senior, genannt R3. Zwar liegt sein Olympiasieg im Doppelvierer bei der Olympiade 1984 von L.A. schon länger zurück, aber er hat nach wie vor alle ausführlichen Geschichten auf dem Weg dorthin parat. Schon der russische Schriftsteller Lew Tolstoj sagte: "Wiederholung ist die Mutter des Lernens" - soll heißen: Die Familie Hörmann könnte deshalb jederzeit vertretungsweise einspringen, wenn die Geschichten gefragt sind, der R3 aber verhindert wäre. Durch die Olympiaboykotts von 1980 und 1984 wertet der R3 den WM-Sieg von 1983 gegen die DDR deutlich höher ein als den Olympiasieg von 1984, weil sie bei der WM auf den letzten 150 Metern vorne lagen und diesen Vorsprung ausführlich auskosten konnten. 1984 war es dagegen knapp, die Australier wären praktisch aus dem nichts gekommen. Beeindruckend wären später der Empfang am Flughafen in Stuttgart, im URCD und besonders in Söflingen gewesen.
Nach einer Klo- und Verpflegungspause beginnt die Vorstellung. Klar, dass das nicht immer mucksmäuschenstill abgeht, wenn im Publikum lauter Fachleute sitzen. Die Ruderbilder sind überwältigend, weil sie aus allen Blickwinkeln und aus nächster Nähe aufgenommen sind und man bei der übergroßen Leinwand das Gefühl hat, man ist mittendrin. And what is the result of the URCD-Jury: Twelve points.
Also nicht zögern, sondern jetzt im Kino auf der großen Leinwand anschauen, zu sehen nur im Dietrich-Theater.
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